… ist ein überaus passendes Märchen der Neuzeit, das die Bildungsmisere des Landes auf den Punkt bringt. Veröffentlicht wurde es von dem User „desidinha“ unter www.neon.de Schön ist, dass offensichtlich Methoden des handlungs- und problemorientierten Literaturunterrichts auch außerhalb schulischer und außerschulischer Bildungs- und Kultureinirchtungen Anwednug finden. Da können sich die Fachdidaktiker auf die Schulter klopfen. Aber nun zum Märchen…
Es war einmal ein Schülerlein, das mit seinem Vater, seiner Mutter, drei Brüdern und drei Schwestern in einer Hütte im finsteren Wald lebte.
Draußen spielen konnte es nicht, weil die anderen Kinder größer und stärker waren und es immer ärgerten. Weil es sich aber irgendwie beschäftigen musste, malte es für seinen Leben gern. Seinen Vater sah es selten, weil dieser morgens noch in der Dunkelheit das Haus verließ und abends spät heimkehrte. Obwohl der Vater jeden Tag hart arbeitete, hatte er dennoch Schwierigkeiten die Familie zu ernähren. Seine drei älteren Brüder waren früh zu Hause ausgezogen, um in der Stadt ihr Glück zu finden. Die Eltern hätten es sich nicht leisten können, dass einer von ihnen auch nur ein Jahr länger zur Schule hätte gehen geschweige denn studieren können.
Das Schülerlein zeichnete sich durch großen Fleiß aus, aber ebenso durch seine besondere Tapferkeit. Weil es aber Kevin hieß, wurde es schon bei der Einschulungsfeier von einer bösen Hexe mit einem Fluch belegt. Alle Kinder wurden im Klassenraum willkommen geheißen und liebevoll begrüßt, zu Kevin sagte die böse alte Frau aber: „Du wirst kein gutes Leben haben, denn deine Eltern haben dir den falschen Namen gegeben. Deswegen seist du für die nächsten Jahre deines Lebens verflucht. Nur wenn du die drei Prüfungen bestehst, kannst du dem Fluch entrinnen.“ Ihre Worte schloss sie mit einem lauten und fiesen Lachen. Noch verstand das fleißige Schülerlein nicht, was diese Worte bedeuten sollten. Und weil es sie nicht verstand, freute es sich auf die Schule. Was sprach dagegen? Schließlich sollte es rechnen, schreiben und lesen lernen.
Schon in den ersten Jahren der Grundschule wurde ihm die verhängnisvolle Bedeutung der Worte immer klarer. Kevin konnte sich noch so sehr anstrengen, aber die böse alte Frau übersah ihn immer. Nie durfte er seine Hausaufgaben vorlesen oder sich am Unterrichtsgespräch beteiligen. Als sein ältester Bruder wieder einmal zu Besuch war, fragte er ihn: „Was soll ich denn machen? Wie kann ich Prüfungen bestehen, wenn ich keine Möglichkeit bekomme, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen?“ „Ha“, antwortete der Bruder. „Du musst nur richtig auf dich aufmerksam machen, dann wirst du schon beachtet werden.“ „Aber was soll ich machen?“ „Du musst einfach in die Klasse rufen, Zettelchen schreiben, malen und auf deinem Stuhl rumwippen. Dann wird sie dich schon bemerken.“ Da Kevin davon überzeugt war, dass sein großer Bruder es weit gebracht hatte, hielt er sich an seinen Ratschlag. Also setzte er den Vorschlag in die Tat um. Die Aufmerksamkeit, die er nun bekam, war aber nicht die, die er sich wünschte. Er war ratlos.
Die erste Prüfung, auch wenn sie nicht diese Bezeichnung trug, rückte immer näher. Schließlich musste bald darüber entschieden werden, wie es mit ihm weitergehen würde. Welche Schule würde ihn nehmen? Seine Noten waren nicht besser geworden, die Lust am Lernen ließ nach. Er wusste, dass die böse alte Frau bald ein Gutachten schreiben würde, das über die nächsten sechs Jahre seines Lebens entschied. Dabei war er doch so jung. Er konnte nicht verstehen, warum sich jetzt entscheiden sollte, wie es mit dem Rest seines Lebens weitergehen sollte. Gegen den Befehl des Königs, so früh zu entscheiden, war das Volk machtlos. Der Tag der „Ergebnisse“ war gekommen. Kevin hielt das Halbjahreszeugnis in der Hand. Dort stand – in Buchstaben, die ihn fast anschrien – geschrieben: Empfehlung für die Hauptschule. Das sonst so tapfere Schülerlein fing an zu weinen, weil es von seinen Brüdern wusste, dass sein Leben so vorgezeichnet sein würde. Keiner der drei hatte – trotz eines guten Hauptschulabschlusses – eine gute Ausbildung machen können. Auch seine Eltern waren traurig ob der Entscheidung der alten Frau. Dagegen tun konnten sie allerdings nichts. Um diese Prüfung nicht vollends zu verlieren, meldeten sie den jüngsten ihrer Söhne an der nahe gelegenen Gesamtschule an und hofften darauf, dass er angenommen würde. Jeden Tag warteten sie auf die Post. Als der lang ersehnte Brief eines Tages kam, öffnete die Mutter ihn mit zitternder Hand: Angenommen! Die Freude der Familie war groß, denn die erste Prüfung war somit bestanden.
Die ersten Tage an der neuen Schule ließen die Hoffnung des Schülerleins wieder wachsen. Allerdings hatte es große Schwierigkeiten, die in den letzten Jahren zur Gewohnheit gewordenen Verhaltensmuster abzulegen. In der zweiten Woche bekam es einen Einzelplatz zugewiesen, weil es durch seine Hibbeligkeit die anderen Kinder vom Lernen ablenkte. Die guten und bösen Lehrer konnten das nicht alleine ändern, so oft sie Kevin darum baten, sich an die Regeln zu halten. Er selbst konnte nichts dagegen tun und sprach vor lauter Kummer mit seinem mittleren Bruder: „Was soll ich denn machen? Wie kann ich Prüfungen bestehen, wenn ich keine Möglichkeit bekomme, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen?“ Der mittlere Bruder, der enttäuscht darüber war, dass ihm selbst so viele Möglichkeiten verwehrt geblieben waren, sprach: „Wende dich an die gute Fee. Sie wird dir helfen.“ „Aber wie kann sie mir helfen?“ „Sie wird mit dir üben und trainieren, dass du dein Verhalten änderst. Bitte unsere Mutter darum, mit ihr zu sprechen.“ So ging die Mutter zur guten Fee, um sie um Unterstützung bei ihrem jüngsten Sohn zu bitten. Diese willigte ein.
So durfte er zwei mal in der Woche mit sieben anderen Kindern, die die gleichen Schwierigkeiten hatten, Übungen und Spiele machen, die ihn immer ruhiger und geduldiger werden ließen. Bald konnte er wieder mit den anderen zusammen, was er so unbedingt wollte, in der Klasse an einem Tisch sitzen. Das Lernen war trotz alledem nicht immer leicht. Der König hatte beschlossen alle Steuergelder für Wichtigeres auszugeben, so dass die geliebte Bücherei und sämtliche AGs abgeschafft wurden. Außerdem musste das Schülerlein, wenn Klassenfahrten anstanden, immer damit rechnen, dass es nicht mitfahren konnte. Seine Eltern hätten sich die Fahrt nicht leisten können, so hart der Vater auch schufftete. Glücklicherweise gab es den Förderverein.
Kevin blühte von Tag zu Tag mehr auf. Doch die nächste Prüfung stand bevor. Jetzt würde sich wieder entscheiden, ob er eine Chance haben würde, dem Fluch zu entkommen. Er war ruhiger geworden, lernte fleißiger denn je, hatte endlich Freunde gefunden, mit denen er sich auch außerhalb des Waldes treffen konnte. Sie bereiteten sich gemeinsam auf die zentrale Prüfung vor, übten Vokabeln, lernten Formeln und Fachbegriffe. Nach den Prüfungstagen konnten sie noch nicht sagen, wie es gelaufen war. Das fleißge Schülerlein hoffte, dass es die Oberstufe erreichen würde. Sonst würde die alte böse Frau recht behalten, Kevin würde mit dem Fluch belegt bleiben und die letzten sechs Jahre wären umsonst gewesen. Der Tag der Ergebnisse war gekommen. Kevin hielt das Abschlusszeugnis in der Hand. Dort stand – in Buchstaben, die ihn geradezu anlächelten – geschrieben: Fachoberschulreife mit Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe. Nun konnte es also an die dritte Prüfung gehen.
Der König hatte bestimmt, dass die Bücher nun alle selbst zu bezahlen seien. Kevin wusste, dass er seinen Vater nicht zu fragen brauchte. Doch er wollte doch so sehr auch die letzte Prüfung bestehen. Also fragte er den jüngsten der drei Brüder: „Was soll ich denn machen? Wie kann ich Prüfungen bestehen, wenn ich keine Möglichkeit bekomme, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen?“ Dieser hatte, sogar ohne einen Abschluss, das meiste Geld in den letzten Jahren verdient und konnte ihm bestimmt einen Ratschlag geben: „Du musst in deine eigenen Fähigkeiten vertrauen. Du kannst malen und zeichnen. Ich habe deine Bilder gesehen. “ „Aber wie kann ich mir helfen?“ “ Verkaufe deine Bilder. Ich werde sie mit in die Stadt nehmen und dort einer Galerie anbieten.“ Das fleißige Schülerlein zweifelte noch ein wenig, vertraute aber seinem Bruder. Und tatsächlich: Seine Bilder waren heiß begehrt. Es verdiente zwar keine riesigen Summen, konnte sich aber die Bücher und sogar die Teilnahme an der Abschlussfahrt in die Hauptstadt leisten.
Es waren nur noch wenige Wochen bis zur letzten Prüfung. Sollte Kevin es schaffen sich von seinem Fluch zu befreien? Seine alten Verhaltenmuster war er los geworden. Sein Fleiß, sein Talent und die Unterstützung durch geliebte Menschen ließen ihn gestärkt in die letzte Prüfung gehen. Es war die härteste der drei, da er die anderen bereits bestanden hatte und nicht kurz vor dem Ziel wieder alles verlieren wollte. Kevin schrieb Klausuren, ließ sich mündlich prüfen und hatte – trotz des gewonnenen Selbstbewusstseins – kein gutes Gefühl. Trotzdem hoffte er, wie schon zwei mal zuvor. Der Tag der Ergebnisse war gekommen. Kevin hielt das schwarz auf weiß gedruckte Blatt in der Hand. Dort stand – in Buchstaben, die ihn geradezu angrinsten vor Freude – geschrieben: Allgemeine Hochschulreife. Er konnte es kaum glauben. Er war erlöst.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann arbeitet er auch heute noch als Grafikdesigner.